Wasta (Vermittlung) im Mittleren Osten
Wasta ist ein System für den Zugang zu Ressourcen; es zu ignorieren, macht Geschäfte unmöglich.
Bedeutung
Zielrichtung : Erkennen, dass Geschäfte auf der Vermittlung durch etablierte Beziehungen beruhen.
Interpretierter Sinn : Wasta ist Korruption; Qualifikationen und Kompetenzen sind ausreichend.
Geographie des Missverständnisses
Offensiv
- saudi-arabia
- uae
- qatar
- kuwait
- bahrain
- oman
- lebanon
- jordan
- egypt
1. Die Geste und ihre erwartete Bedeutung
Wasta (واسطة, wörtlich "Vermittler" oder "Mittel") ist das System des Zugangs zu Ressourcen im Nahen Osten, das auf der Vermittlung durch etablierte persönliche Beziehungen beruht. Cunningham & Sarayrah (1993) zeigen, dass wasta über drei Kanäle funktioniert: (1) familiäre Verbindungen (Vater, Onkel, Cousin), (2) lange politische oder berufliche Freundschaften, (3) kommerzielle Vermittler mit Glaubwürdigkeit bei Entscheidungsträgern der Regierung. Einen Regierungsvertrag, eine Lizenz, einen Bankkredit oder eine Partnerschaft ohne Wasta zu erhalten, ist im Nahen Osten nahezu unmöglich. Ein Partner ohne offensichtliche Wasta erscheint isoliert, ohne Einfluss oder verdächtig auf böswillige Absichten.
2. Wo die Dinge aus dem Ruder laufen: Geographie des Missverständnisses
Der Westen interpretiert wasta als Korruption oder unfaire Bevorzugung, gleichbedeutend mit "nepotism" oder "cronyism" Offene" Regierungsausschreibungen, so denken sie, müssen fair und transparent sein. Die Deutschen lehnen die Verwendung von wasta ab, da dies gegen ihren strengen Ethikkodex (Gleichheit, Transparenz, Sachlichkeit) verstößt. Die Franzosen mit ihrer egalitären und republikanischen Kultur finden das System anstößig. Im Nahen Osten wird wasta nicht als unmoralisch angesehen, sondern als pragmatische Notwendigkeit: Schwache Rechtssysteme, weit verbreitete und tolerierte Korruption und ein Mangel an administrativer Transparenz machen wasta zur einzigen Leitplanke für Vertrauen und Stabilität in den Beziehungen.
3. Historische Entstehung
Wasta entstand aus dem vorislamischen arabischen Stammessystem (Jahiliyyah), in dem die Geschäfte über Clanführer und Patriarchen abgewickelt wurden. Der Islam formalisierte dies durch die Zakah (obligatorische Almosen) und den Waqf (Tote Güter), die die gegenseitigen Verpflichtungen zwischen Reichen und Armen kodifizierten. Nach dem europäischen Kolonialismus und der Unabhängigkeit (1950-1970er Jahre) behielten die neuen arabischen Staaten absichtlich administrative Intransparenz bei: Wasta ermöglicht es der Regierung, flexibel und politisch profitabel zu bleiben und Loyalisten zu belohnen. Heute arbeiten sogar technisch transparentere Regierungen (UAE, Bahrain, Saudi nach 2015) mit impliziter Wasta auf den Entscheidungsebenen.
4. dokumentierte Vorfälle
2006 versuchte ein Schweizer Unternehmen, medizinische Ausrüstung an ein saudisches Krankenhaus ohne Wasta oder Vermittler zu verkaufen. Es verliert die Ausschreibung an einen Wettbewerber mit familiären Verbindungen zum Königshof. Im Jahr 2015 wird einem amerikanischen Technologie-Startup ohne Wasta im Nahen Osten ein lokales Joint Venture als "Niederlassungsbedingung" aufgezwungen - der erzwungene Partner ist gescheitert, aber politisch mit dem Ministerium verbunden.
5. Praktische Empfehlungen
Bevor Sie in den Nahen Osten einreisen, identifizieren Sie einen lokalen Vermittler (wasta man, رجل واسطة) mit Glaubwürdigkeit bei den Entscheidungsträgern der Regierung und den regionalen Bankern. Prüfen Sie die Beziehungen dieses Vermittlers unabhängig (Referenzen, Hintergrund). Investieren Sie in langfristige Verträge mit lokalen Partnern (mindestens 3-5 Jahre für den Aufbau einer eigenen Wasta). Nehmen Sie an gesellschaftlichen Veranstaltungen, Geschäftsessen und informellen Treffen teil. Nach der Unterzeichnung sollten Sie die Beziehung durch regelmäßige Besuche, angemessene Geschenke (Prestigeobjekte, kein Geld) und öffentliche Anerkennung der Rolle des Vermittlers stärken.
Quellen
- Cunningham, Robert B. & Sarayrah, Yasin K. Wasta: The Hidden Force in Middle Eastern Society. Praeger, 1993.