Das erhobene Kinn (mediterranes Nein)
Kinn ruckartig nach oben: kategorische Ablehnung in Griechenland, Turkei, Libanon, Iran. Missverstandlich im Norden.
Bedeutung
Zielrichtung : Klare und endgultige Ablehnung: Nein, ich verweigere, ausgeschlossen. Kein Zogern.
Interpretierter Sinn : In Nord- oder Nordamerika: Arroganz, Herausforderung oder einfach eine bedeutungslose korperliche Bewegung. Die Ablehnung bleibt unbemerkt.
Geographie des Missverständnisses
Neutral
- greece
- turkey
- cyprus
- italy
- lebanon
- iran
- egypt
- spain
- portugal
- malta
Nicht dokumentiert
- middle-east
- north-africa
1. Die Geste und ihre erwartete Bedeutung
Ein schnelles, ruckartiges Kinnheben nach oben, ohne obligatorische Stimmbegleitung. In Griechenland, der Turkei, Zypern, dem Libanon, dem Iran, Agypten und Suditalien bedeutet diese Bewegung unmissverstandlich: Nein, ich lehne ab, das kommt nicht in Frage. Sie kann auch Verachtung, Ungeduld oder eine Aufforderung zum Weitergehen ausdruck en. Diese emblematische Geste wird allein ausgefuhrt, ohne Zungenklicken - diese Begleitung kennzeichnet die in der Turkei und Griechenland dokumentierte Variante e0105. Die Unterscheidung ist funktional: e0083 umfasst das Kinnheben allein, e0105 die Kombination Kinnheben plus Tsk.
2. Geographie des Missverstandnisses
Die Geste ist im Mittelmeerraum und im Nahen Osten verwurzelt: Griechenland, Turkei, Zypern, Libanon, Iran, Agypten, Suditalien, Sizilien, Malta, Suds panien, Portugal. Im Iran wird die Geste manchmal von gehobenen Augenbrauen oder einem Lippenlaut begleitet, der sich vom turkischen Tsk unterscheidet. Im arabischsprachigen Raum (Libanon, Agypten) ist ihre Verbreitung durch Beobachter regionaler Etikette dokumentiert. In Nordeuropa, Deutschland und Nordamerika wird diese Bewegung entweder nicht als Signal wahrgenommen oder als Arroganz oder Herausforderung gedeutet. Ein nordeuropaischer Gesprachspartner kann eine durch Kinnheben deutlich geausserte Ablehnung ubersehen und dieselbe Anfrage unangemessen wiederholen.
3. Historische Entstehung
Die alteste dokumentierte Bezeugung stammt von Andrea de Jorio, einem neapolitanischen Priester und Archaologen, in La Mimica degli Antichi investigata nel gestire napoletano (Stamperia del Fibreno, Neapel, 1832). De Jorio beschreibt das Gestenrepertoire des neapolitanischen Volkes im Vergleich mit antiken griechisch-romischen Darstellungen, worin das Kinnheben als Signal fur Ablehnung oder Verachtung erscheint. Morris, Collett, Marsh, O'Shaughnessy (Gestures: Their Origins and Distribution, Stein and Day, 1979) erfassen es systematisch als Emblem in Griechenland und der Turkei mit einer Kartierung in funfundzwanzig europaischen Landern. Axtell (Gestures: The Do's and Taboos of Body Language Around the World, John Wiley and Sons, 1998) ordnet es in seine Kartographie regionaler Missverstandnisse ein. Kendon (Gesture: Visible Action as Utterance, Cambridge University Press, 2004) analysiert die morphologische Struktur von Negationsembleme n. Der genaue Ursprung - vorchristliche mediterrane Praxis, griechisch-romisches Erbe oder unabhangige Konvergenz - bleibt unbestimmt (Register c). Eine plausible Hypothese (Register b) ist das Erbe einer gemeinsamen Verneinungsgeste im gesamten Mittelmeerraum.
4. Wesentliche Unterschiede: e0083, e0105, e0023, e0104
Das Kopfgesten-Cluster umfasst mehrere morphologisch verwandte, aber semantisch verschiedene Gesten. e0083 (diese Datei): Kinnheben allein, kein obligatorisches Zungenklicken, Verbreitung von der Mittelmeerkuste bis zum Nahen Osten. e0105 (turkish-tsk-head-toss): Kinnheben kombiniert mit Zungenklicken, die kanonische turkische und griechische Form der kategorischen Verneinung, Tsk als definierendes Element. Die Verwechslung von e0083 und e0105 ist ein erstrangiger konzeptioneller Fehler: Beide Eintrage dokumentieren Varianten desselben Verneinungsemblems. e0023 (bulgarisches umgekehrtes Kopfnicken) und e0104 (bulgarisches seitliches Nein-Schutteln): das bulgarische und albanische Vollinversionssystem - vertikales Nicken bedeutet Nein, seitliches Schutteln bedeutet Ja. Dieses System unterscheidet sich grundlegend vom mediterranen Kinnheben: Bulgarien und Albanien verwenden das Chin-up-Nein nicht.
5. Praktische Empfehlungen
In Griechenland, der Turkei, Zypern, dem Libanon, dem Iran und Agypten: Ein Kinnheben als endgultige, zogerungsfreie Ablehnung interpretieren. Die Anfrage nicht wiederholen. In Suditalien: Die Geste ist ublich, kann aber mit anderen Verneinungssignalen koexistieren. In einem interkulturellen beruflichen Kontext mit mediterranen oder nahostlichen Gesprachspartnern: Wenn ein Kinnheben als Antwort auf einen Vorschlag erfolgt, ist es nicht als bedeutungslose Bewegung zu lesen. Im Zweifelsfall eine verbale Bestatigung einholen.
Historischer Ursprung
Ablehnungsemblem durch Kinnheben, im Mittelmeerraum seit Andrea de Jorio (1832, Neapel) dokumentiert. Morris, Collett, Marsh, O'Shaughnessy (1979) verzeichnen es als griechisches und turkisches Emblem. Verbreitet in Griechenland, der Turkei, Zypern, dem Libanon, dem Iran, Agypten und Suditalien. Verschieden von e0105 (Tsk-Kopfstoss): e0083 = Kinnheben allein, ohne obligatorisches Zungenklicken.
Praktische Empfehlungen
Zu tun
- Reconnaitre le menton leve comme un refus definitif dans les pays mediterraneens et du Moyen-Orient concernes. Ne pas reitererer la demande.
Zu vermeiden
- Ne pas supposer que relever la tête signifie un simple mouvement. Ne pas insister après un chin-up no. En contexte multiculturel, demander confirmation verbale.
Neutrale Alternativen
Klar nein sagen. In interkulturellen Kontexten verbal bestatigen. Den Kopf von links nach rechts schutteln, wenn der Gesprachspartner das Kinnheben nicht versteht.
Quellen
- Gestures: Their Origins and Distribution
- Gestures: The Do's and Taboos of Body Language Around the World
- La Mimica degli Antichi investigata nel gestire napoletano
- Gesture: Visible Action as Utterance
- Nod (gesture)