Zwei Konventionen für dieselbe Zahl
Das Zählen mit drei Fingern scheint trivial — bis zum ersten Missverständnis in einer ausländischen Bar. In Kontinentaleuropa (Deutschland, Frankreich, Österreich, Schweiz, Italien, Spanien) beginnt die Standardkonvention mit dem Daumen: «1» = Daumen allein, «2» = Daumen + Zeigefinger, «3» = Daumen + Zeigefinger + Mittelfinger. In den englischsprachigen Ländern (USA, Großbritannien, Irland, Australien) beginnt die typische Sequenz mit dem Zeigefinger: «1» = Zeigefinger allein, «2» = Zeige- + Mittelfinger, «3» = Zeige- + Mittel- + Ringfinger.
Die praktische Folge ist unmittelbar: Ein Deutscher, der einem amerikanischen Barkeeper «3» zeigt, streckt drei Finger aus, darunter den Daumen. Der Amerikaner kann den Daumen als separales «1»-Signal lesen und über die zwei weiteren Finger verwirrt sein.
Morris et al. (1979): die erste systematische Kartierung
Die erste systematische akademische Dokumentation dieser Divergenz stammt von Morris, Collett, Marsh und O'Shaughnessy (1979) aus ihrer kartografischen Studie zu Gesten in 25 europäischen Ländern. Die Autoren unterscheiden ausdrücklich die «Daumen-zuerst»-Zone (Kontinentaleuropa) von der «Zeigefinger-zuerst»-Zone (Britische Inseln, Nordamerika). Axtell (1998) greift diese Unterscheidung auf und nennt konkrete Beispiele für handelsbezogene Missverständnisse.
Der Bar-Restaurant-Kontext: primäre Reibungszone
Das bekannteste Beispiel ist die Bestellung in Bars und Restaurants. Ein amerikanischer Tourist in Deutschland, der «zwei Bier» durch Ausstrecken von Zeige- und Mittelfinger bestellt, kann drei Bier erhalten.
Der Film Inglourious Basterds von Quentin Tarantino (2009) hat dieses Missverständnis berühmt gemacht: Ein britischer Offizier, Leutnant Archie Hicox, verrät sich, indem er «drei Gläser» mit Zeige-, Mittel- und Ringfinger bestellt — anstatt Daumen, Zeige- und Mittelfinger, wie es der deutsche Barkeeper erwartet.
Empfehlungen
In jedem internationalen Kontext — Bars, Märkte, Transaktionen, Verhandlungen — ist die Doppelkommunikation (Geste + Verbalisierung) die einzige Garantie für Klarheit. Das Aufschreiben der Ziffer oder ihr Anzeigen auf einem Taschenrechner ist die sicherste Methode für Geldbeträge.
Über die Reihenfolge der Finger hinaus unterscheiden sich die Kulturen schließlich auch in der Richtung der Geste: Der Westen streckt die Finger aus der geschlossenen Faust heraus, während Russland und Osteuropa die Finger einer offenen Hand umgekehrt nach innen zur Faust einklappen (auch Japan zieht die Finger ein, siehe e0044). Diese Divergenz dient sogar dazu, Nationalitäten zu unterscheiden, besonders in Kriegszeiten (Wikipedia, « Finger-counting »). Auch der Startfinger variiert je nach Land (siehe e0517 für den Iran, der mit dem kleinen Finger beginnt).
Geographie des Missverständnisses
Neutral
- france
- belgium
- netherlands
- luxembourg
- germany
- austria
- switzerland
- italy
- spain
- portugal
- usa
- canada
- uk
- australia
- ireland
- sweden
- norway
- denmark
- finland
Nicht dokumentiert
- indigenous-peoples
- east-asia
- south-asia
- latin-america
- middle-east
- africa
Historischer Ursprung
Die Divergenz zwischen kontinentalem Daumen-zuerst-Zählen und angelsächsischem Zeigefinger-zuerst-Zählen wurde erstmals systematisch von Morris, Collett, Marsh und O'Shaughnessy (1979) in ihrer Kartierung von 25 europäischen Ländern dokumentiert. Die historischen Ursprünge der Zweiteilung sind ungeklärt.
Praktische Empfehlungen
Zu tun
- Verbaliser systématiquement le chiffre dans les contextes mixtes (bars, marchés, transactions). En cas de doute, montrer le nombre sur une calculatrice ou l'écrire.
Neutrale Alternativen
- Die Zahl laut aussprechen
- Die Ziffer aufschreiben
- Einen Taschenrechner verwenden