Der Augenlidgriff (Wachsamkeit und Unglauben)
Unteres Augenlid mit dem Zeigefinger nach unten ziehen: Wachsamkeit oder Warnung in Lateinamerika und dem Mittelmeerraum, Unglauben in Frankreich, kindisches Haeneseln in Japan. Eine Geste, drei gegensaetzliche Lesarten.
Bedeutung
Zielrichtung : Wachsamkeit, Aufmerksamkeit, Vorsicht: Ich beobachte dich oder pass auf (Lateinamerika, Italien, Spanien, Griechenland). In Frankreich: Unglauben oder Ablehnung (mon oeil).
Interpretierter Sinn : In Japan (Akanbe): als kindisches Haeneseln oder leichte Beleidigung wahrgenommen. In Nord-/Anglophonen Kontexten: unverstaendlich oder mit Augenreizung verwechselt. Haeufige Verwechslung zwischen Wachsamkeit (LatAm/Med) und Unglauben (Frankreich).
Geographie des Missverständnisses
Offensiv
- japan
Neutral
- mexico
- guatemala
- honduras
- nicaragua
- el-salvador
- costa-rica
- panama
- cuba
- dominican-republic
- puerto-rico
- argentina
- chile
- colombia
- peru
- venezuela
- ecuador
- uruguay
- paraguay
- bolivia
- france
- italy
- spain
- greece
- portugal
- poland
Nicht dokumentiert
- brazil
- sub-saharan-africa
- east-asia
- north-america
1. Die Geste und ihre Morphologie
Der Augenlidgriff besteht darin, den Zeigefinger unter das Auge zu legen und das untere Augenlid leicht nach unten zu ziehen, wodurch mehr Weisses des Auges sichtbar wird. Die haeufigste Variante ist ein einfaches Beruehren oder Zeigen unter die Augenhohle, ohne stark zu ziehen. Es handelt sich um ein kinesisches Emblem, d.h. eine kulturell kodierte bedeutungstragende Geste, die von Muttersprachlern in einem bestimmten geografischen Gebiet sofort erkannt wird. Sie hat keine universelle Bedeutung: Die gleiche Bewegung kann je nach Land Wachsamkeit, Warnung, Unglauben oder Spott bedeuten.
2. Drei gegensaetzliche kulturelle Lesarten
Die semantische Vielfalt dieser Geste ist bemerkenswert. Im spanischsprachigen Lateinamerika (Mexiko, Guatemala, Honduras, Kolumbien, Argentinien, Peru, Venezuela) und in den meisten Laendern Mittel- und Suedamerikas drueckt die Geste Wachsamkeit und Aufmerksamkeit aus: Sie bedeutet Ich beobachte dich, pass auf oder sei vorsichtig. Das Auge steht fuer Aufmerksamkeit und die Faehigkeit, Tricks zu erkennen. Axtell (1998) dokumentiert diese Bedeutung in seinem interkulturellen Gestenverzeichnis mit den hispanisch-lateinamerikanischen Laendern als primaerer Zone.
In Frankreich begleitet die gleiche Geste den Ausdruck mon oeil (mein Auge), der unglaeuberische Ablehnung einer Behauptung signalisiert. Diese Bedeutung unterscheidet sich von der lateinamerikanischen: Es handelt sich nicht um eine Warnung, sondern um eine Contestation. Morris, Collett, Marsh und O'Shaughnessy (1979) kartieren Variationen dieser Geste in ihrer Studie ueber 25 europaeische Laender.
In Italien und Spanien begleitet die Geste das Wort occhio (Auge) oder ojo (Auge) und signalisiert eine freundliche Warnung: Pass auf, diese Person ist clever oder Vorsicht hier.
In Japan ist die entsprechende Geste das Akanbe (ausgesprochen Akkanbe), bei der das untere Augenlid nach unten gezogen wird, waehrend die Zunge herausgestreckt wird. Es handelt sich um eine kindische Haenselei oder ein Zeichen leichter Verachtung, ohne Bezug zu Wachsamkeit oder Unglauben.
3. Urspruenge und historische Verwurzelung
Die genauen Urspruenge der Geste sind umstritten. Drei Register koexistieren:
(a) Dokumentiertes Faktenregister: Morris, Collett, Marsh und O'Shaughnessy (1979) kartieren diese Geste in ihrer Studie ueber 25 europaeische Laender, und Axtell (1998) dokumentiert sie in Lateinamerika und im Mittelmeerraum. Diese beiden Tier-1-Quellen bilden den verifizierten Korpus.
(b) Hypothetisches Register: Einige Autoren schlagen einen Ursprung in den kollektiven Wachsamkeitskulturen der vorkolonialen lateinamerikanischen Gesellschaften vor, in denen der Blick und die Gruppenuberwachung einen starken symbolischen Wert hatten. Dieser Zusammenhang ist anthropologisch plausibel, aber nicht durch eine unabhangige Tier-1-Quelle belegt.
(c) Ungewisses Register: Die Konvergenz zwischen der franzosisch-europaischen Geste (Unglauben) und der lateinamerikanischen Geste (Wachsamkeit) koennte auf einen gemeinsamen Vorfahren aus der hispanischen Kolonialzeit hinweisen. Diese Hypothese ist durch keine verifizierten akademischen Quellen belegt.
4. Zeitgenoessische Verbreitung
Die Geste ist in den Alltags interaktionen in Lateinamerika und im Mittelmeerraum ausserst verbreitet. Medien haben zur transregionalen Verbreitung beigetragen, ohne die Bedeutung zu vereinheitlichen. Die Hauptzone von Missverstaendnissen ist der franzosisch-lateinamerikanische Kontext: Ein Mexikaner oder Kolumbianer, der diese Geste macht, um Ich beobachte dich zu bedeuten, koennte von einem franzosischen Gegenueber als Unglauben interpretiert werden.
5. Praktische Empfehlungen
In Lateinamerika und in mediterranen Laendern (Italien, Spanien, Griechenland) ist diese Geste natuerlich und wird von Muttersprachlern ohne Zweideutigkeit verstanden. Ausserhalb dieser Zonen ist es ratsam, die Geste zu vermeiden und einen expliziten verbalen Ausdruck vorzuziehen. In Japan ist die Verwendung der Geste im professionellen Kontext zu vermeiden: das Akanbe ist eine kindliche Geste.
Historischer Ursprung
Erste akademische Dokumentation: Morris, Collett, Marsh und O'Shaughnessy (1979) kartieren diese Geste in 25 europaeischen Laendern. Axtell (1998) dokumentiert sie in Lateinamerika und dem Mittelmeerraum. Vorkoloniale Urspruenge sind hypothetisch und auf Tier-1-Niveau unverifiziert. Die Konvergenz Frankreich (Unglauben) und LatAm (Wachsamkeit) deutet auf hispanische Kolonialverbreitung hin, ist aber nicht belegt.
Praktische Empfehlungen
Zu tun
- En Amerique latine ou en Mediterranee : geste naturel compris des locuteurs natifs. Hors de ces zones, privil egier l'expression verbale explicite pour eviter toute ambiguite.
Zu vermeiden
- Ne pas supposer l'effet Facebook mondialisé en contextes ruraux ou pré-internet.
Neutrale Alternativen
- Direkter verbaler Ausdruck: pass auf oder ich beobachte dich
- Offene Handfläche heben (universales Stop-/Aufmerksamkeitssignal)
- Gerunzelte Stirn mit direktem Blick (neutrales nonverbales Warnsignal)
Quellen
- Morris, D., Collett, P., Marsh, P. and O'Shaughnessy, M. (1979). Gestures: Their Origins and Distribution. Stein and Day.
- Axtell, R.E. (1998). Gestures: The Do's and Taboos of Body Language Around the World (rev. and expanded ed.). John Wiley and Sons.
- Wikipedia contributors. Eyelid pull. Wikipedia, The Free Encyclopedia. — ↗
- Wikipedia contributors. Akanbe. Wikipedia, The Free Encyclopedia. — ↗
- Kendon, A. (2004). Gesture: Visible Action as Utterance. Cambridge University Press.