Der Zeigefinger-Zeigegestus
Mit dem Zeigefinger auf jemanden zeigen: im Westen neutral, beleidigend in weiten Teilen Asiens, der arabischen Welt und Afrikas.
Bedeutung
Zielrichtung : Eine Person oder ein Objekt bezeichnen oder die Aufmerksamkeit darauf lenken, indem der Zeigefinger auf das Ziel gerichtet wird.
Interpretierter Sinn : In Suedostasien, der arabischen Welt und Afrika: Anschuldigung, Herablassung, Behandlung des Gegenueber wie ein Tier oder Untergeordneter. Im beruflichen Kontext kann es Aerger oder persoenliche Anschuldigung signalisieren.
Geographie des Missverständnisses
Offensiv
- vietnam
- thailand
- indonesia
- malaysia
- philippines
- singapore
- myanmar
- cambodia
- laos
- china-continental
- japan
- south-korea
- taiwan
- hong-kong
- mongolia
- saudi-arabia
- uae
- qatar
- kuwait
- bahrain
- oman
- lebanon
- jordan
- iraq
- egypt
- syria
Neutral
- usa
- canada
- uk
- france
- germany
- belgium
- netherlands
- luxembourg
- switzerland
- austria
- spain
- portugal
- italy
- australia
- new-zealand
Nicht dokumentiert
- sub-saharan-africa
- indigenous-peoples
Der Zeigefinger-Zeigegestus
1. Der Gestus und seine allgemeine Bedeutung
Den Zeigefinger auf eine Person oder einen Gegenstand zu richten ist einer der spontansten deiktischen Gestus beim Menschen. In Westeuropa und Nordamerika gilt er als neutral und funktional: er bezeichnet, zieht Aufmerksamkeit auf sich, weist in eine Richtung. Kindern wird er von fruehester Kindheit an ohne negative Konnotation beigebracht.
Was ein Westeuropaeer als einfaches Bezeichnungssignal erlebt, wird in einem grossen Teil der Welt als direkte Beleidigung empfunden. Der Unterschied liegt nicht im Gestus selbst, sondern in seiner symbolischen Bedeutung je nach Kultur: Auf einen Menschen mit dem Zeigefinger zu zeigen bedeutet haeufig, ihn wie ein Objekt, ein Tier oder einen Angeklagten zu behandeln.
2. Geographie des Tabus
Das Tabu des Zeigefingergestus ist in drei grossen geografischen Zonen akademisch belegt (Registrar (a) faktisch gesichert):
In Suedostasien -- Vietnam, Thailand, Malaysia, Indonesien, Philippinen, Kambodscha, Myanmar, Singapur -- wird der Gestus als grob und herablassend empfunden. In Malaysia und Indonesien ist er symbolisch gleichbedeutend damit, jemanden wie ein Tier herbeizurufen. Die akzeptierte Alternative ist der ausgestreckte Daumen bei geschlossener Faust.
In Ostasien -- Festlandchina, Japan, Suedkorea, Taiwan -- gilt der Gestus als aggressiv. In China wird er haeufig mit Schelten oder Anklagen assoziiert.
In der arabischen Welt -- Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Katar, Kuwait, Bahrain, Oman, Libanon, Jordanien, Irak, Aegypten -- wird Zeigen als respektlos empfunden. Konventionsgemaess zeigt man mit der ganzen Hand, Handflaehe nach oben oder unten je nach Kontext.
In Afrika suedlich der Sahara ist die Lage differenzierter (Registrar (b) Einschaetzung, durch lokale Quellen zu bestaetigen): Das Zeigen auf eine Person gilt allgemein als unhoefl ich, aber nicht unbedingt als schwere Beleidigung. Studien zum nicht-manuellen Zeigen belegen kulturell bevorzugte Alternativen: Kinnzeigen bei den Massai und anderen ostafrikanischen Voelkern, Lippenzeigen bei verschiedenen Bevoelkerungsgruppen.
3. Akademische Genealogie
Adam Kendon (2004) stellt in Gesture: Visible Action as Utterance (Cambridge University Press) fest, dass das deiktische Zeigen mit dem Zeigefinger funktional universell ist -- jeder Mensch zeigt zumindest gelegentlich mit dem Finger -- dass jedoch soziale Praeferenz und Akzeptabilitaet kulturell stark variieren. (Registrar (a) gesichert)
Cooperrider, Slotta und Nunez (2018) zeigen in The Preference for Pointing With the Hand Is Not Universal (Cognitive Science 42(4), doi:10.1111/cogs.12585) empirisch, dass das manuelle Zeigen nicht universell bevorzugt wird: Die Yupno in Papua-Neuguinea zeigen bevorzugt mit Nase oder Kopf; Mohawks und Ojibway in Nordamerika zeigen mit Nase oder Kinn; Laoten zeigen mit den Lippen. (Registrar (a) gesichert)
Morris, Collett, Marsh und O'Shaughnessy (1979) in Gestures: Their Origins and Distribution (Stein and Day) liefern die erste systematische kulturuebergreifende Kartierung emblematischer Gestus. Axtell (1998) in Gestures: The Do's and Taboos of Body Language Around the World (John Wiley and Sons) dokumentiert Zeigetabus laenderweise. (Registrar (a) gesichert)
Die historische Ursache fuer das Tabu des Zeigefingergestus bleibt teilweise unbestimmt (Registrar (c) unbekannt): Hypothesen umfassen die Assoziation des Gestus mit dem Herbeirufen von Tieren, oeffentlicher Anklage oder dem boesen Blick in bestimmten Traditionen.
4. Wichtige Unterscheidungen
Auf einen leblosen Gegenstand zu zeigen ist haeufig weniger belastet als auf eine Person. Im arabischen und islamischen Kontext ist die linke Hand mit Unreinheit verbunden -- die rechte Hand wird systematisch bevorzugt. Die Intensitaet des Tabus variiert je nach Rang der bezeichneten Person.
5. Praktische Empfehlungen
In interkulturellen Kontexten stets die ganze Hand, Handflaehe nach unten, bevorzugen. Um die Aufmerksamkeit einer Person zu gewinnen, deren Namen oder Augenkontakt verwenden. Lokale Konventionen beachten, bevor man alternative Gestus (Daumen, Kinn, Lippen) uebernimmt.
Historischer Ursprung
Das deiktische Zeigen mit dem Zeigefinger ist laut Kendon (Gesture, Cambridge UP, 2004) und Morris et al. (Gestures, Stein and Day, 1979) funktional universell, doch Cooperrider, Slotta und Nunez (Cognitive Science, 2018) belegen, dass die Praeferenz fuer manuelles Zeigen nicht universell ist: Yupno (PNG), Mohawks und Ojibway (Nordamerika) sowie Laoten bevorzugen nicht-manuelle Alternativen. Das kulturelle Tabu des Zeigefingergestus gegenueber Personen ist in der arabischen Welt und Suedostasien durch Axtell (1998) und Morris (1979) belegt; sein historischer Ursprung bleibt unbestimmt.
Praktische Empfehlungen
Zu tun
- En Asie du Sud-Est et dans le monde arabe, designer avec la main entiere, paume vers le bas, ou avec le pouce. En Afrique sub-saharienne, observer les conventions locales : pointage par le menton, les levres ou la main ouverte. En contexte multinational, privilegier systematiquement la main ouverte.
Neutrale Alternativen
Ganze Hand, Handflaehe nach unten. Ausgestreckter Daumen. Kinnzeigen (Ostafrika, Indianer). Lippenzeigen (Laoten, indigene Voelker Amerikas). Kopfnicken in Richtung des Ziels.
Quellen
- Gestures: Their Origins and Distribution
- Gestures: The Do's and Taboos of Body Language Around the World
- Gesture: Visible Action as Utterance
- The Preference for Pointing With the Hand Is Not Universal
- Cultural similarities and differences in emblematic gestures