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Lautes Schnäuzen in der Öffentlichkeit (Japan)
Lautes Schnäuzen in der Öffentlichkeit ist in Japan ein starkes soziales Tabu: man schnieft leise oder zieht sich auf die Toilette zurück.
Bedeutung
Zielrichtung : In Japan gilt das laute Schnäuzen in der Öffentlichkeit (Besprechung, Restaurant, Zug, Büro, Klassenzimmer) weithin als Verstoß gegen die Etikette. Die Norm ist, dezent zu schniefen (*hana wo susuru* 鼻を啜る), ohne Ausblasen zu tupfen oder sich zum Schnäuzen auf die Toilette zurückzuziehen.
Interpretierter Sinn : Für einen westlichen Besucher signalisiert ein kräftiges Schnäuzen, dass man Schleim und Keime ordentlich loswerden möchte; in Japan wird es als laut, unsauber und störend für die Gruppenharmonie (*wa* 和) gelesen. Das Stofftaschentuch (*hankachi* ハンカチ) ist kein Ersatz — es ist für Hände und Schweiß bestimmt, niemals für die Nase.
Geographie des Missverständnisses
Neutral
- japan
- south-korea
Eines der ausgeprägtesten sozialen Tabus Japans
In Japan zählt das laute Schnäuzen in der Öffentlichkeit zu den am stärksten missbilligten Körpergesten und ist einer der ersten westlichen Reflexe, die Expat-Ratgeber als zu vermeiden kennzeichnen (GaijinPot, Japan Today, Walk Japan). Die Geste gilt als laut, unhygienisch und steht im Widerspruch zum Ideal kollektiver Zurückhaltung (wa 和), das die japanische Kultur hochhält. Die Regel gilt im Vorortzug ebenso wie im gehobenen Restaurant, im Klassenzimmer, im Großraumbüro oder im Sitzungssaal: überall dort, wo eine kollektive Anwesenheit körperliche Diskretion verlangt.
Die Etikette des Ersatzes: schniefen, sich entfernen, maskieren
Statt sich offen zu schnäuzen, schniefen die Japaner diskret – der zusammengesetzte Ausdruck hana wo susuru (鼻を啜る, wörtlich „die Nase aufsaugen", vom Verb susuru allein zu unterscheiden, das „schlürfen" bedeutet) bezeichnet genau dieses verhaltene Schniefen – oder tupfen die Nase mit einem Papiertaschentuch ab, ohne hineinzuschnäuzen (Japanetic, Understanding Japan). Wenn die Nase echtes Schnäuzen verlangt, ist es üblich, sich zur Toilette, in ein Treppenhaus oder einen anderen privaten Raum zurückzuziehen, mit dem Rücken zur restlichen Gruppe. Das Tragen von Mundschutzmasken, schon vor der COVID-19-Pandemie weit verbreitet, dient ebenfalls als akustischer Dämpfer und sozialer Sichtschutz für Erkältete (Japan Today).
Die kulturellen Grundlagen: kegare, meiwaku, wa
Drei sich überlagernde Hintergründe tragen das Tabu. Erstens ordnet kegare (穢れ), shintōistischer Begriff der rituellen Unreinheit, Tod, Krankheit, Geburt, Menstruation und allgemeiner Körperflüssigkeiten den Quellen der Verunreinigung zu (Wikipedia, Japanese Wiki Corpus) – Nasenschleim hängt diffus damit zusammen, ohne eine eigene kodifizierte Kategorie zu bilden. Zweitens macht meiwaku (迷惑), die Sorge, andere nicht zu belästigen, aus unwillkürlichem Körpergeräusch ein ebenso ernstes Vergehen wie eine deplatzierte Bemerkung. Drittens schreibt wa (和), die Gruppenharmonie, Selbstregulation vor: Es obliegt dem Einzelnen, den Körper zu zügeln, nicht der Gruppe, ihn zu dulden.
Hankachi und tisshu: zwei Objekte, zwei Verwendungen
In Japan ersetzen sich Stoff- (hankachi ハンカチ) und Papiertaschentuch (tisshu ティッシュ) nicht gegenseitig. Laut einer Erhebung der Japan Handkerchief Association von 2019, berichtet von The Japan Times (13. Oktober 2019), tragen 81 % der Japaner ein Stofftaschentuch bei sich – nicht zum Schnäuzen, sondern um die Hände abzutrocknen (Händetrockner und Papierhandtücher sind in öffentlichen Toiletten selten), den Schweiß im Sommer abzutupfen oder das Gesicht abzuwischen. Das Einwegtaschentuch dient dem eigentlichen Schnäuzen und ist dank des tissue-pack marketing allgegenwärtig, das 1968 von Hiroshi Mori, Gründer von Meisei Industrial Co. (Präfektur Kōchi), eingeführt wurde, mit Straßenverteilung ab den 1980er Jahren: rund vier Milliarden Gratispakete pro Jahr Mitte der 2000er Jahre (Wikipedia, The Japan Times 21. August 2007). Folge: Sich in einen hankachi zu schnäuzen und ihn dann wieder einzustecken, wird als besonders schmutzig empfunden.
Saison kafunshou: keine Befreiung
Laut dem japanischen Umweltministerium (2019) leiden 42,5 % der Japaner an einer Form von kafunshou (花粉症, Heuschnupfen) und 38,8 % spezifisch an Pollinose durch japanische Sicheltanne (sugi, Cryptomeria japonica) – deren Saison von Ende Januar/Mitte Februar bis Mai reicht, mit einem Höhepunkt in der zweiten Märzhälfte und ersten Aprilhälfte (Wikipedia Hay fever in Japan, Tokyo Weekender, Coto Academy). Diese massiv belastende Saison hat das Tabu jedoch nicht formell aufgehoben: Die kulturell vorherrschende Lösung bleibt die Kombination aus Maske, Schniefen und privatem Rückzug zum Schnäuzen. Jüngste Beobachtungen (gelegentliches Schnäuzen im Restaurant) deuten auf eine mögliche Lockerung hin, ohne dass eine Ausnahme kodifiziert wäre. Für einen ausländischen Besucher, der niesen oder sich schnäuzen muss, rechtfertigt also nicht die Allergie die öffentliche Geste, sondern der Rückzug aus dem kollektiven Blick macht sie akzeptabel.
Historischer Ursprung
Etikette aufgebaut auf drei übereinandergelegten Hintergründen — kegare (shintōistische rituelle Unreinheit, die den Kontakt mit Tod, Krankheit, Geburt und Körperflüssigkeiten umfasst), meiwaku (Sorge, andere nicht zu stören) und wa (kollektive Harmonie) —, in der modernen Zeit verfestigt durch die Verbreitung der Einweg-Papiertaschentücher (tissue-pack marketing 1968 von Hiroshi Mori, Meisei Industrial Co. in der Präfektur Kōchi eingeführt) und durch die spezifische Verwendung des Stofftaschentuchs (hankachi), das ausschließlich für Hände und Schweiß bestimmt ist, niemals für die Nase.
Dokumentierte Vorfälle
- 2019 — Enquête publiée en 2019 par la Japan Handkerchief Association, rapportée par The Japan Times le 13 octobre 2019 : 81 % des Japonais déclarent porter un mouchoir en tissu (hankachi). L'usage dominant reste essuyer les mains et la sueur, non se moucher — donnée chiffrée qui matérialise l'asymétrie d'usage hankachi/tisshu propre au Japon et le tabou persistant sur le mouchage public.
Praktische Empfehlungen
Zu tun
- Renifler discrètement plutôt que se moucher (hana wo susuru).
- Si mouchage indispensable : se retirer aux toilettes ou dans un escalier, dos au groupe.
- Porter un masque en saison kafunshou (fév-avr) pour atténuer bruit et visibilité.
- Utiliser un mouchoir en papier (tisshu), pas un mouchoir en tissu (hankachi).
Zu vermeiden
- Ne pas se moucher bruyamment en réunion, restaurant, train, bureau ou classe.
- Ne pas utiliser le hankachi (mouchoir tissu) pour le nez : il sert aux mains et à la sueur.
- Ne pas considérer la saison kafunshou (rhume des foins) comme une exemption au tabou.
Neutrale Alternativen
- Respektvolles, wiederverwendbares Taschentuch.
Quellen
- Japan Today, “Nose-blowing and face masks provide deep insight into Japan's social norms”.
- Japanetic, “Japanese Etiquette: The Strict Nose-Blowing Rule Foreigners Break”.
- GaijinPot, “10 Unspoken Rules in Japan (That You'll Probably Break)”.
- Wikipedia, “Hay fever in Japan” (Kafunshou).
- Wikipedia, “Kegare”.
- Wikipedia, “Tissue-pack marketing”.
- The Japan Times, “Pocket tissues” (21 août 2007).
- The Japan Times, “Japan's love of the hanky is nothing to be sneezed at” (13 octobre 2019).
- Tokyo Weekender, “Surviving Kafunsho: How To Beat Hay Fever in Japan”.
- Sakuraco, “Handkerchief in Japan: Why Is It So Important?”.