Lippenzeigen
In vielen indigenen Kulturen Sudostasiens, Mittelamerikas und Ozeaniens wird eine Richtung durch das Vorschieben der Lippen angezeigt statt durch Fingerzeigen.
Bedeutung
Zielrichtung : Eine Richtung, ein Objekt oder eine Person anzeigen, indem die Lippen zur Zielrichtung vorgestreckt werden, oft begleitet von einem leichten Kopfheben und gezieltem Blick.
Interpretierter Sinn : Von einem nicht vertrauten westlichen Beobachter: Verwirrung, Unhoflichkeit oder Spott — die Geste wird ubersehen oder als unbeabsichtigter Gesichtsausdruck missverstanden.
Geographie des Missverständnisses
Neutral
- philippines
- laos
- vietnam
- thailand
- indonesia
- malaysia
- singapore
- myanmar
- cambodia
- panama
- nicaragua
- mexico
- guatemala
- honduras
- el-salvador
- costa-rica
- cuba
- dominican-republic
- puerto-rico
Nicht dokumentiert
- east-asia
- northern-europe
- sub-saharan-africa
- oceania
- indigenous-north-america
1. Die Geste und ihre Morphologie
Das Lippenzeigen besteht darin, eine oder beide Lippen in Richtung eines Referenten -- einer Person, eines Objekts oder eines Ortes -- vorzuschieben, wahrend das Kinn leicht angehoben und der Blick auf das Ziel gerichtet wird. Die typische Sequenz dauert weniger als eine Sekunde: Der Kopf hebt sich kurz an, die Lippen bewegen sich in Richtung des Referenten, die Augen folgen, dann kehrt der Kopf in seine neutrale Position zuruck. Ein dezentes Augenbrauenheben kann die Geste begleiten. Das wesentliche Merkmal ist, dass die Lippen funktional den ausgestreckten Finger ersetzen: die Geste ist im strengen Sinne deiktisch.
Im Gegensatz zum Fingerzeigen ist das Lippenzeigen deutlich weniger auffallig -- eine Qualitat, die in Kulturen, in denen direktes Fingerzeigen als unhoflich oder intrusiv wahrgenommen wird, hoch geschatzt wird. Joel Sherzer, der erste, der diese Geste 1973 in Language in Society systematisch beschrieb, stellte fest, dass bei den Kuna (Cuna) Panamas das Lippenzeigen "bei weitem haufiger" ist als das manuelle Zeigen.
2. Geographische und kulturelle Verbreitung
Lippenzeigen ist in mindestens vier grossen Gebieten belegt: (a) Sudostasien -- Laos, Philippinen (wo es auf Filipino/Tagalog nguso heisst), Vietnam, Thailand, Indonesien, Malaysia, Singapur, Kambodscha, Myanmar; (b) Indigenes Amerika -- Kuna/Cuna Panamas, indigene Gemeinschaften Nicaraguas, indigene Bevolkerungen Nordamerikas (Cree, Ojibway, Navajo); (c) Ozeanien und Australien -- indigene Gruppen Australiens, Papua-Neuguinea; (d) Afrika -- vereinzelte Belege, genaue Verbreitung nicht tier-1-gesichert.
Die Forschung von Cooperrider, Slotta und Nunez (2018, Cognitive Science) bestatigt, dass die Praferenz fur manuelles Zeigen nicht universell ist: Die Yupno Papua-Neuguineas bevorzugen eine Nasen-Kopf-Zeigegeste. Dieses Ergebnis bestatigt die Beobachtungen von Sherzer und Enfield: Das Lippenzeigen gehort zu einer grosseren Gruppe fazialer deiktischer Gesten, die in vielen Kulturen neben dem manuellen Zeigen existieren.
3. Ursprung und Geschichte (Register a, b, c)
(a) Was feststeht: Joel Sherzer erstellte 1973 die erste systematische Studie der Geste in "Verbal and nonverbal deixis: the pointed lip gesture among the San Blas Cuna" in Language in Society, basierend auf Feldforschung der 1960er-1970er Jahre. N. J. Enfield (2009, Cambridge University Press) vertiefte die Studie auf der Grundlage von Lao-Felddaten in The Anatomy of Meaning.
(b) Dokumentierte Hypothesen: Warum bestimmte Kulturen das Lippenzeigen dem Fingerzeigen vorziehen, bleibt umstritten. Cooperrider und Nunez schlagen vor, dass faziales Zeigen in Kontexten bevorzugt wird, in denen Diskretion geschatzt wird.
(c) Was unbekannt bleibt: Die Datierung der Entstehung der Geste in jeder Kultur ist unbestimmt. Die genaue Verbreitung innerhalb jeder Unterregion erfordert weitere Feldarbeit.
4. Zeitgenossischer Kontext
Das Lippenzeigen blieb westlichen Beobachtern bis zu den Studien von Sherzer (1973) und Enfield (2009) weitgehend unsichtbar. Die Forschung von Cooperrider et al. (2018) fand breite mediale Verbreitung. Auf den Philippinen ist die Praxis sozial wertvoll, besonders wenn Fingerzeigen als unhoflich gilt.
5. Praktische Hinweise
In Sudostasien (besonders Philippinen, Laos, Vietnam) und in indigenen Gemeinschaften Mittelamerikas sollten Sie auf Lippengesten Ihres Gegenubers achten: Sie sind ein valider deiktischer Hinweis. Verwechseln Sie sie nicht mit Grimassen. In europaischen oder nordamerikanischen Kontexten wird die Geste wahrscheinlich nicht verstanden -- bevorzugen Sie Finger- oder Verbalsignale.
Historischer Ursprung
Erste systematische akademische Studie: Sherzer (1973), Language in Society, Panama/Kuna. Verbreitung formalisiert von Enfield (2009), Cambridge UP, aus Laos-Felddaten. Universalitat des Fingerzeigings widerlegt von Cooperrider, Slotta und Nunez (2018), Cognitive Science.
Praktische Empfehlungen
Zu tun
- En Asie du Sud-Est et dans les communautes autochtones d'Amerique centrale, restez attentif aux gestes labiaux de votre interlocuteur : ils peuvent indiquer une direction ou un objet aussi precisement qu'un doigt pointe. Reciproquement, utiliser ce geste vous-meme est bienvenu dans ces contextes.
Neutrale Alternativen
- Digitales Zeigen (ausgestreckter Zeigefinger)
- Blickzeigen (Eye-Pointing)
- Verbale Bezeichnung
Quellen
- Sherzer, J. (1973). Verbal and nonverbal deixis: the pointed lip gesture among the San Blas Cuna. Language in Society, 2(1), 117-131. — ↗
- Enfield, N. J. (2009). The Anatomy of Meaning: Speech, Gesture, and Composite Utterances. Cambridge University Press. — ↗
- Cooperrider, K., Slotta, J., Nunez, R. (2018). The Preference for Pointing With the Hand Is Not Universal. Cognitive Science, 42(4). — ↗
- Kendon, A. (2004). Gesture: Visible Action as Utterance. Cambridge University Press.
- Morris, D., Collett, P., Marsh, P., O'Shaughnessy, M. (1979). Gestures: Their Origins and Distribution. Stein and Day.