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CodexMundi Gelehrter Atlas der Sinne, die beim Überschreiten von Grenzen verloren gehen

← Kinesik — Gesten

Die Feige (mano fico)

Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger geklemmt: ein Schutzamulett gegen den bösen Blick seit der mediterranen Antike, in Brasilien noch als Glücksbringer getragen. Doch auf eine Person gerichtet ist es in Italien, Griechenland oder der Türkei eine schwere sexuelle Obszönität; in Russland nur eine spöttische Geste der Ablehnung. Eine Geste, drei Lesarten.

Vollständig✓ GeprüftSchmähung

Kategorie : Kinesik — GestenUnterkategorie : emblemes-une-mainVertrauensniveau : 3/5 (dokumentierte Hypothese)Benutzername : e0006

Bedeutung

Zielrichtung : Schutzamulett gegen den bösen Blick, aus der antiken mediterranen Folklore überliefert: geschlossene Faust, Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger geschoben. Wird noch als Glücksbringer getragen, namentlich in Brasilien und Portugal (die *figa*). Apotropäische Bedeutung — Abwehr des Bösen.

Interpretierter Sinn : In Italien, Griechenland, Malta und der Türkei ist dieselbe, auf eine Person gerichtete Geste eine schwere sexuelle Obszönität — der Daumen mimt die Penetration, die Finger die Vulva: ein brutales „Verpiss dich“. In Russland dagegen bedeutet sie eine knappe, leicht spöttische Ablehnung („du bekommst nichts“) und ist deutlich weniger schwer.

Geographie des Missverständnisses

Offensiv

  • italy
  • greece
  • malta
  • turkey
  • middle-east
  • russia

Neutral

  • usa
  • canada
  • france
  • germany
  • uk
  • australia

Nicht dokumentiert

  • asie-du-sud
  • asie-centrale-caucase
  • afrique-subsaharienne

1. Die Geste und ihre erwartete Bedeutung

Eine geschlossene Faust, der Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger geschoben, das erste Glied leicht hervorstehend: Das ist die italienische mano fico („Feigenhand“), auch mano figa oder einfach figa genannt. Das italienische und neapolitanische Wort fica ist ein derbes Wort für das weibliche Geschlecht, und die Geste bildet es ab — der Daumen für das männliche Geschlecht, die beiden geschlossenen Finger für das weibliche. Diese doppelte Ladung, schützend und obszön, begleitet die Geste seit der Antike.

In ihrem erwarteten, harmlosen Register ist die figa ein Amulett: als Schmuck getragen oder mit der Hand ausgeführt, soll sie den bösen Blick (malocchio) abwenden, wobei die „Feige“ Fruchtbarkeit verkörpert. Dieses schützende Register ist als Glücksbringer noch sehr lebendig, besonders in Brasilien und Portugal, wo die figa gewöhnlich als Schmuck aus Koralle, Silber oder Gagat verkauft wird.

2. Wo es aus dem Ruder läuft: Geografie des Missverständnisses

Die Gefahr kommt von der anderen Ladung der Geste. Auf eine Person gerichtet, ist dieselbe Geste in Italien, Griechenland, Malta und der Türkei eine schwere sexuelle Obszönität: Der Daumen mimt die Penetration, die Finger die Vulva — das gestische Äquivalent eines brutalen „Verpiss dich“, ein frontaler Angriff auf die Würde. Morris et al. (1979) bezeichnen sie als „extrem beleidigend“; Axtell (1998) zählt sie zu den Gesten, die in Italien, Griechenland und der Türkei „absolut zu vermeiden“ sind; Matsumoto und Hwang (2013) ordnen sie den Emblemen mit großer geografischer Gefahr zu.

In Russland und einem Teil der slawischen Welt hingegen hat die Geste — auf Russisch кукиш (koukich) oder фига (figa) genannt — einen ganz anderen und weit leichteren Sinn: eine knappe, leicht spöttische Ablehnung, „du bekommst nichts“. Sie gilt unter Erwachsenen als unhöflich, trägt aber keinerlei sexuelle oder obszöne Ladung; Eltern machen sie sogar scherzhaft ihren Kindern gegenüber, um eine Ablehnung zu signalisieren. Sie mit der mediterranen Obszönität gleichzusetzen wäre ein Analysefehler.

Die Falle für einen Besucher liegt entweder in der positiven Lesart, die er kennt — dem brasilianischen Glücksbringer — oder in völliger Unkenntnis der Geste: arglos auf eine Person in Italien oder der Türkei gerichtet, wird sie als die derbste Beleidigung aufgefasst.

3. Historische Entstehung

Die beiden Bedeutungen sind alt und koexistieren seit der Antike — es gab keinen späten „Umschwung“ von der einen zur anderen. Auf der apotropäischen Seite ist die Geste in Rom als manu fica belegt: Ovid beschreibt in den Fasten, wie der Hausvater sie während der Lemuria ausführt, dem nächtlichen Maifest zur Besänftigung und Abwehr der Geister der Toten. Auf der obszönen Seite bezeichnet die lateinische Wendung facere ficum („die Feige machen“) bereits in der Antike eine Geste der Verachtung und des Spotts.

Die Geste wurde dann zu Amuletten — Hände aus Koralle, Silber oder Gagat — verarbeitet, die im gesamten Mittelmeerraum gegen den malocchio verbreitet waren, und sie behielt diese Schutzfunktion bis in die byzantinische und mittelalterliche Zeit und darüber hinaus. Was die Moderne tat, war nicht, den obszönen Sinn zu erfinden, sondern ihn in bestimmten Gebieten (Italien, Griechenland, Türkei) dominant zu machen, während die lusophone Welt vor allem den schützenden Sinn bewahrte und die slawische Welt daraus eine Geste der Ablehnung machte. Die genaue Datierung dieser geografischen Aufteilungen bleibt ungewiss.

4. Zeitgenössische Varianten

Die Geste veranschaulicht eine stabile semantische Divergenz, keine lineare Entwicklung. Heute koexistieren drei Lesarten. Erstens die schwere sexuelle Obszönität, in Italien, Griechenland, Malta und der Türkei, wo es eine frontale Provokation ist, die Geste auf jemanden zu richten. Zweitens der schützende Glücksbringer, in Brasilien und Portugal, wo die figa ein gängiges Schmuckstück ist, verschenkt und getragen ohne die geringste negative Konnotation. Drittens die spöttische Geste der Ablehnung, in Russland und einem Teil der slawischen Welt, geringfügig und etwas veraltet.

Dieselbe Handkonfiguration kann also je nach Breitengrad die derbste Beleidigung, ein Zeichen des Glücks oder ein schlichtes „Nein“ sein. Kein präzise datierter interkultureller Vorfall ist für diesen Eintrag solide dokumentiert: Es ist diese strukturelle Divergenz, nicht ein Ereignis, die ihn interessant macht.

5. Praktische Empfehlungen

Zu tun: darauf verzichten, die Geste auszuführen. Sie hat für einen Besucher keinen nützlichen Zweck, und ihr Schutzwert wirkt nur für diejenigen, die ihre Folklore bereits teilen. Sie zu erkennen bleibt nützlich — auf einem brasilianischen Schmuckstück ist sie völlig harmlos.

Niemals tun: die Geste in Italien, Griechenland, Malta oder der Türkei auf eine Person richten — sie ist eine schwere sexuelle Obszönität, in diplomatischen, beruflichen oder kindlichen Kontexten absolut zu untersagen. In Russland sie auch unter Erwachsenen vermeiden, aber ohne Dramatisierung: dort bedeutet sie eine Ablehnung, keine Obszönität.

Alternativen: um Schutz oder Glück zu wünschen, verbale Formeln oder neutrale Gesten vorziehen (gekreuzte Finger im Westen).

Besondere Vorsicht: die brasilianische Lesart „Glücksbringer“ nicht in einen italienischen, griechischen oder türkischen Kontext importieren — dieselbe Geste kippt dort in die schwerste Beleidigung.

Historischer Ursprung

Eine Geste mit doppelter Ladung, beide alt und nebeneinander bestehend, ohne späten Umschwung. Der apotropäische Sinn ist in Rom belegt — die manu fica, ausgeführt während der Lemuria, dem nächtlichen Fest zur Besänftigung der Toten (Ovid, Fasten). Der obszöne Sinn ist ebenfalls antik: Die lateinische Wendung facere ficum bezeichnet schon eine Geste der Verachtung. Zu mediterranen Amuletten gegen den bösen Blick geworden, behielt die Geste den schützenden Sinn in der lusophonen Welt (die brasilianische und portugiesische figa), den Sinn schwerer sexueller Obszönität in Italien, Griechenland, Malta und der Türkei und einen Sinn spöttischer Ablehnung in Russland.

Praktische Empfehlungen

Zu tun

  • S'abstenir d'exécuter le geste : aucun usage utile pour un visiteur. Le reconnaître reste utile — sur un bijou brésilien ou portugais (la *figa*), il est inoffensif et porte-bonheur.

Zu vermeiden

  • Ne jamais pointer le geste vers une personne en Italie, en Grèce, à Malte ou en Turquie : c'est une obscénité sexuelle grave, à proscrire en contexte diplomatique, professionnel ou devant des enfants. En Russie, l'éviter aussi entre adultes, mais sans dramatiser — il y signifie un refus, pas une obscénité.

Neutrale Alternativen

Quellen

  1. Morris, D., Collett, P., Marsh, P., et O'Shaughnessy, M. (1979). Gestures: Their Origins and Distribution. Stein and Day / Jonathan Cape.
  2. Axtell, R. E. (1998). Gestures: The Do's and Taboos of Body Language Around the World (édition révisée). John Wiley and Sons.
  3. Matsumoto, D. et Hwang, H. C. (2013). Cultural similarities and differences in emblematic gestures. Journal of Nonverbal Behavior, 37(1), 1-27. —
  4. Fig sign — Wikipedia : manu fica romaine et fête des Lemuria (Ovide, Fastes), symbolisme coïtal du geste, amulette figa brésilienne et portugaise, sens de refus du koukich russe. —
  5. A Russian Fig is Not a Fig — The Moscow Times (2022) : le geste russe koukich / figa comme refus catégorique et un peu narquois, sans charge obscène, plutôt désuet. —