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CodexMundi Gelehrter Atlas der Sinne, die beim Überschreiten von Grenzen verloren gehen

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Der boese Blick und Schutzgesten (nazar, hamsa, corna)

Der Glaube an den boesen Blick (tuerkisch nazar, hebraeisch ayin hara, spanisch mal de ojo) ist einer der verbreitetsten weltweit. Er erzeugt in den verschiedenen Kulturen unterschiedliche Schutzgesten: mano cornuta, mano fico, Hamsa. Ein allzu bewundernder Blick kann in Kulturen, die diesen Glauben teilen, als Bedrohung empfunden werden.

Vollständig✓ GeprüftNeugier

Kategorie : Kinesik — GestenUnterkategorie : superstitionVertrauensniveau : 3/5 (dokumentierte Hypothese)Benutzername : e0093

Bedeutung

Zielrichtung : Schutz vor einem neidischen oder boeswilligen Blick (boser Blick). Die Gesten — mano cornuta (Hoerner), mano fico (Feige), Hamsa (offene Hand), Holz oder Hoerner beruehren — sollen die vermeintliche Bosartigkeit eines Blickes abwenden oder neutralisieren.

Interpretierter Sinn : In Nordeuropa oder Ostasien ist der Glaube an den boesen Blick unbekannt oder wird als archaischer Aberglaube wahrgenommen. Eine Nazar-Schutzgeste vor einem nordischen oder asiatischen Gesprechspartner zu machen wird missverstanden werden. Umgekehrt kann ein westlicher Fachmann, der ein Kind oder einen Gegenstand ohne Vorsicht ueberschwenglich lobt, in Kulturen mit einem starken Glauben an den boesen Blick als gefahrlich wahrgenommen werden.

Geographie des Missverständnisses

Neutral

  • turkey
  • iran
  • egypt
  • morocco
  • algeria
  • tunisia
  • libya
  • saudi-arabia
  • uae
  • qatar
  • kuwait
  • bahrain
  • oman
  • lebanon
  • syria
  • jordan
  • iraq
  • israel
  • cyprus
  • greece
  • malta
  • italy
  • spain
  • portugal
  • mexico
  • brazil
  • argentina

Nicht dokumentiert

  • northern-europe
  • east-asia

1. Die Geste und ihr Bezugssystem

Der boese Blick (tuerkisch nazar, hebraeisch ayin hara, spanisch mal de ojo, italienisch malocchio, griechisch mati) bezeichnet den Glauben an einen neidischen oder boeswilligen Blick, der Krankheit, Verlust oder Unglueck verursachen kann. Dieses Glaubenssystem erzeugt ein Repertoire unterschiedlicher apotropaeischer Gesten in verschiedenen Kulturen. Die drei wichtigsten sind: die mano cornuta (Zeigefinger und kleiner Finger hochgestreckt, Mittelfinger eingerollt), die mano fico (Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger) und die Hamsa oder Khamsa (offene Handflaechenflaeche, fuenf gespreizte Finger). Diese Gesten sind kinesische Embleme im Sinne von Kendon (2004): kulturell kodiert, in ihrer Herkunftszone sofort erkennbar. Elworthy (1895) widmet in der ersten systematischen akademischen Studie ueber den boesen Blick ein ganzes Kapitel den Handgesten als apotropaeischem Schutz.

2. Drei Lesarten und drei Missverstaendniszonen

Der Glaube an den boesen Blick ist in den drei monotheistischen Religionen des Mittelmeerraums belegt. Im Islam erwaehnt der Koran explizit den Schutz vor dem Blick (Sure Al-Falaq 113). Im Judentum erwaehnt der Talmud das ayin hara als gefaehrlich. Im orientalischen Christentum bestehen Segnungsformeln gegen den boesen Blick in griechischen, armenischen und syrischen Volksueberlieferungen.

Die Hamsa (oder Khamsa, stilisierte Fuenf-Finger-Hand mit zentralem Auge) ist das wichtigste Gesten-Amulett der arabischen und nordafrikanischen Welt: in der phoenizischen und levantinischen Archaeologie seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. belegt, sie geht dem Islam und dem Judentum voraus. Wikipedia EN Hamsa bestaetigt ihre Verbreitung vom Maghreb bis in den Iran.

Die Hauptmissverstaendniszone ist: In Kulturen mit starkem boesen Blick Glauben (Tuerkei, Levante, Maghreb, Griechenland, Sueditalien, Mexiko, Lateinamerika) wird ein uebertriebenes Kompliment ohne Schutzformel als gefaehrlich wahrgenommen. Jemandem zu sagen, ihr Kind sei sehr huebsch, ohne mashaAllah (im tuerkischen/arabischen Kontext) oder kaloo kaloo (im griechischen Kontext) hinzuzufuegen, kann Angst ausloesen. In Nordeuropa oder Ostasien ist diese Dimension unbekannt.

3. Historische Urspruenge und dokumentarische Grundlage

Die Urspruenge sind auf drei Ebenen dokumentiert:

(a) Dokumentiertes Faktenregister: Elworthy (1895) kartiert apotropaeische Gesten im Mittelmeerraum und liefert die erste systematische akademische Studie ueber den Glauben an den boesen Blick einschliesslich Handgesten (mano cornuta, mano fico, mano pantea). Morris, Collett, Marsh und O'Shaughnessy (1979) dokumentieren diese Gesten in ihrer Kartierung von 25 europaeischen Laendern. Axtell (1998) bestaetigt das Fortbestehen des Nazar in der Tuerkei und in der arabischen Welt.

(b) Plausibles hypothetisches Register: Die Verbreitung des Glaubens an den boesen Blick ueber vorphoenizkische Handelswege, dann ueber das Roemische Reich und die mittelalterliche islamische Expansion, ist mit der aktuellen geografischen Verteilung vereinbar, aber die genaue kausale Kette ist nicht Quelle fuer Quelle belegt.

(c) Ungewisses Register: Die genauen Urspruenge der Hamsa (phoenizisch, aegyptisch oder mesopotamisch) werden unter Spezialisten diskutiert.

4. Zeitgenoessische Verbreitung

Das Nazar-Boncugu-Emoji U+1F9FF wurde 2018 zu Unicode 11.0 hinzugefuegt. Soziale Medien (2010-2026) haben das Symbol als Modezubehoer exportiert und es von seiner apotropaeischen Funktion abgekoppelt. Die kritische Unterscheidung zwischen kinesischen Schutzgesten (mano cornuta, mano fico, Hamsa) und dem nazar boncugu Amulett (passives Objekt) ist wichtig: Eintrag e0005 behandelt die mano cornuta und Eintrag e0006 die mano fico.

5. Praktische Empfehlungen

In Kulturen mit starkem Glauben an den boesen Blick (Tuerkei, Levante, Maghreb, Griechenland, Sueditalien, Spanien, Mexiko, Brasilien): Komplimente ueber Kinder, Gesundheit oder Erfolg mit einer angemessenen Schutzformel begleiten (mashaAllah auf Arabisch und Tuerkisch, que Dieu le garde auf formalen Franzoesisch, kaloo kaloo auf Griechisch). Ein Nazar-Boncugu oder eine Hamsa als aufrichtigen Akt des guten Willens akzeptieren. In Nordeuropa, Ostasien oder saekular-anglophones Umfeld: Schutzgesten (mano cornuta, Hamsa) im beruflichen Kontext vermeiden.

Historischer Ursprung

Ursprung mesopotamisches/aegyptisches Altertum, Hamsa in levantinischer Archaeologie seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. belegt. Glaube an den boesen Blick (hebraeisch ayin hara) durchzieht die drei Monotheismen des Mittelmeerraums. Koran Sure Al-Falaq 113 erwaehnt expliziten Schutz vor dem Blick. Elworthy (1895) John Murray kartiert apotropaeische Gesten mano cornuta/fico/pantea im Mittelmeerraum in der ersten systematischen akademischen Studie. Morris et al. (1979) Stein and Day 25 europaeische Laender. Axtell (1998) bestaetigt Fortbestehen des Nazar in der zeitgenoessischen muslimischen Welt. Hamsa-Geste im islamischen Mittelalter kristallisiert, bis heute unveraendert, muendlich/visuell ueberliefert.

Praktische Empfehlungen

Zu tun

  • Dans les cultures a forte croyance nazar (Turquie, Levant, Maghreb, Grece, Italie du Sud, Espagne, Mexique, Afrique du Nord) : eviter les compliments excessifs non accompagnes d'une formule de protection (mashaAllah en arabe/turc, Dio ce ne guardi en italien, ojala en espagnol). Accepter une amulette nazar comme un geste de bienveillance, pas un signe de superstition.

Zu vermeiden

  • Ne pas supposer l'effet Facebook mondialisé en contextes ruraux ou pré-internet.

Neutrale Alternativen

Quellen

  1. Elworthy, F.T. (1895). The Evil Eye: An Account of This Ancient and Widespread Superstition. John Murray.
  2. Morris, D., Collett, P., Marsh, P. and O'Shaughnessy, M. (1979). Gestures: Their Origins and Distribution. Stein and Day.
  3. Axtell, R.E. (1998). Gestures: Do's and Taboos (rev. and expanded ed.). John Wiley and Sons.
  4. Wikipedia contributors. Evil eye. Wikipedia, The Free Encyclopedia. —
  5. Wikipedia contributors. Hamsa. Wikipedia, The Free Encyclopedia. —