Der angeblich römische / faschistische Gruß
Ausgestreckter Arm, Handfläche nach unten — Geste weder römisch noch antik, von David 1784 erfunden, von D'Annunzio 1919 dann Mussolini 1925 übernommen. Strafrechtlich verboten in Deutschland, Österreich, Belgien. Vom spezifischen Hitlergruß (e0060) zu unterscheiden.
Bedeutung
Zielrichtung : Bekenntnis zum Faschismus und rechtsextremem Autoritarismus. Emblemgeste der italienischen PNF (Partito Nazionale Fascista) 1922-1943 und aller europäischen Faschismen der Zwischenkriegszeit.
Interpretierter Sinn : Dokumentierter schwerer Fehler: Die Geste hat KEINEN antik-römischen Ursprung. Plinius der Jüngere, Tacitus und Cicero erwähnen sie nie. Die Zuschreibung an Rom ist eine Kinoproduktion (1907-1930), von Faschisten übernommen. Unterscheidung: e0031 (allgemeiner faschistischer Gruß, Mussolini 1925) vs e0060 (spezifischer Nazi-Hitlergruß, 1926-1933).
Geographie des Missverständnisses
Offensiv
- germany
- austria
- belgium
- czech-republic
- slovakia
- hungary
- poland
- romania
- france
- italy
- spain
- portugal
- netherlands
- usa
- canada
- israel
Nicht dokumentiert
- worldwide
1. Die Geste und ihre Bedeutung
Waagrecht ausgestreckter Arm, Handflasche nach unten, manchmal leicht angehoben. Bekannt als roemischer Gruss oder faschistischer Gruss. Historisch mit Mussolinis italienischem Faschistenregime (1922-1943) und allen europaischen faschistischen und neonazistischen Bewegungen verbunden. In jedem oeffentlichen Kontext heute liest sich diese Geste als Bekenntnis zur faschistischen und rechtsextremen Autoritaet. Es gibt keine unschuldige oder neutrale Verwendung dieser Geste im oeffentlichen Raum.
2. Warum diese Geste schockiert: die Geographie des Anstosses
Der sogenannte roemische Gruss ist heute eine der politisch aufgeladensten Gesten, die es gibt. In Deutschland und Oesterreich ist seine Ausfuhrung in der Oeffentlichkeit eine Straftat (StGB paragraphe 86a, oesterreichisches Verbotsgesetz). In Belgien deckt die Gesetzgebung zur Negation diesen Gruss in Zusammenhaengen der Verherrlichung des Faschismus ab. In Italien sanktioniert das Mancino-Gesetz (1993) den faschistischen Gruss in Zusammenhaengen rassistischer Provokation oder neo-faschistischer Propaganda.
Auch in Laendern, in denen er nicht explizit kriminalisiert ist -- Frankreich, Spanien, Portugal, Niederlande -- loest diese Geste bei politischen Kundgebungen, Sportveranstaltungen oder Gedenkfeiern systematisch einen grossen oeffentlichen Skandal aus.
3. Historischer Ursprung: drei Register
a) Was faktisch belegt ist (Tier-1-Quellen)
Die Geste des ausgestreckten Arms mit nach unten gerichteter Handflasche hat KEINEN verifizierbaren antik-roemischen Ursprung. Keine Primaerquelle -- Cicero, Plinius der Juengere, Tacitus, Sueton -- beschreibt diese Geste jemals als gaengige Begruessung im antiken Rom. Wissenschaftler, die sich auf antike Gesten spezialisiert haben (Corbeill 2004, Nature Embodied, Princeton UP) bestaetigen dieses Fehlen. Martin M. Winkler (The Roman Salute, Ohio State UP, 2009) hat durch erschoepfende Analyse der ikonographischen und literarischen Quellen nachgewiesen, dass die Zuschreibung der Geste an das antike Rom eine zwischen 1907-1930 entstandene Kinofiktion ist.
Die reale historische Kette:
- 1784: Jacques-Louis David malt den Schwur der Horatier. Er stellt roemische Figuren mit ausgestreckten Armen dar -- ein malerischer Anachronismus im neoklassizistischen Stil. Dieses Gemlde wird zur VISUELLEN QUELLE des Mythos.
- 1907-1930: Das Hollywood-Kino uebernimmt Davids Geste als visuelle Konvention in Sandalenfilmen. Hollywood ERFINDET und verbreitet den sogenannten roemischen Gruss als visuelles Klischee.
- 1919: Gabriele D'Annunzio uebernimmt diese Geste bei seiner Besetzung von Fiume (Rijeka) an der Spitze seiner Arditi. Dies ist die ERSTE moderne politische Verwendung der Geste, direkt vom Kino und der Malerei inspiriert, nicht von der Antike.
- 1922-1925: Benito Mussolini uebernimmt den Gruss als offizielles Zeichen der Nationalen Faschistischen Partei (PNF). Er BEHAUPTET einen antik-roemischen Ursprung, um den Faschismus ideologisch zu legitimieren.
- 1926-1933: Adolf Hitler und die NSDAP uebernehmen eine Variante (den Hitlergruss, unterschieden in Eintrag e0060) nach mussolinischem Vorbild.
- 1945-1960: Nach der Niederlage der faschistischen und nationalsozialistischen Regime progressive Kriminalisierung in Westdeutschland (1960, StGB 86a), dann Oesterreich.
b) Was dokumentierte Folgerung ist
Allerts These (The Hitler Salute, Metropolitan Books, 2008, uebers. Jefferson Chase) lautet, dass der Gruss -- in seiner nazistischen Version, aber auch faschistischen -- als Konformitaetsvektor und nicht bloss als deren Produkt funktionierte: die Geste auszufuehren zwang den Einzelnen, oeffentlich seine Zustimmung zu zeigen, und machte stillen Widerspruch unmoeglich.
c) Was wir nicht wissen
Die genauen Modalitaeten der Uebertragung zwischen D'Annunzio und Mussolini sind nicht vollstaendig in verfuegbaren Primaerquellen dokumentiert.
4. Zeitgenoessische Varianten und mehrdeutige Verwendungen
Die morphologische Unterscheidung zwischen e0031 (allgemeiner faschistischer Gruss, waagrecht ausgestreckter Arm, Handflasche nach unten) und e0060 (Nazi-Hitlergruss, Arm leicht diagonal nach oben gestreckt, Handflasche nach unten) ist semantisch bedeutsam, aber praktisch wenig operativ: beide sind in Gesetzgebungen, die das eine oder andere kriminalisieren, strafrechtlich gleichwertig.
5. Praktische Empfehlungen
Keine angemessene Verwendung im oeffentlichen oder beruflichen Kontext, unabhaengig von der erklaerten Absicht.
In einem akademischen oder museographischen Kontext: Die Geste kann beschrieben, illustriert oder analysiert werden, sofern eine explizite Einrahmung (1) die Korrektur des Mythos vom antik-roemischen Ursprung, (2) die reale historische Kette David 1784 bis D'Annunzio 1919 bis Mussolini 1925, (3) den Rechtsstatus der Geste in verschiedenen Rechtsordnungen umfasst.
In Deutschland und Oesterreich: Melden Sie die Beobachtung dieser Geste in oeffentlichen Kontexten den Behoerden. Sie ist eine Straftat nach StGB paragraphe 86a.
Historischer Ursprung
MYTHOS: Keine antike Quelle (Cicero, Plinius, Tacitus) belegt diese Geste. Reale Kette: David 1784 Schwur der Horatier (malerischer Anachronismus) → Hollywood-Sandalenfilm 1907-1930 (Winkler 2009) → D'Annunzio 1919 Fiume (erste moderne politische Verwendung) → Mussolini 1925 (PNF) → Hitler 1926-1933. Kriminalisiert in Deutschland/Oesterreich nach dem Zweiten Weltkrieg.
Praktische Empfehlungen
Zu tun
- Aucun usage approprié en public ou dans un contexte professionnel. Contexte académique ou muséal uniquement, avec cadrage explicite sur le mythe de l'origine romaine et le statut légal du geste.
Zu vermeiden
- INTERDIT en Allemagne, Autriche. TABOU SÉVÈRE France. USA/UK légal mais socialement inacceptable.
Neutrale Alternativen
Kein gestischer Ersatz — in mehreren Ländern verbotene Geste. Im formellen Begrüßungskontext Händedruck oder Kopfnicken.